Das Leben des Mark Murphy
Mr. Murphy, wo immer man etwas über Sie liest, fällt das Wort „Hipster“ - „Und das stimmt nicht. Hipster waren keine Musiker – Damals in den Fünfzigern waren es die Hipster, die unsere Musik und uns liebten. Ich mag es nicht, so genannt zu werden, denn ich bin wohl ein Künstler. Ein Hipster ist (Mark Murphy schnippt mit den Fingern und groovt ein wenig: ‚Tsche, Tapp’), verstehst du? Einer der Hipster – auch wenn er wirklich auch Künstler war – war Jack Kerouac. Und mehr noch ein verrückter Freund von ihm – Neal Cassedy. (Neal Cassedy gilt als Quelle der Inspiration für die Beatniks, A. d. Red.) Er war der ultimative Hipster. Er konnte nichts, aber er konnte teilhaben an den Reaktionen. Wir waren mal auf dem Weg nach Florida und hörten meine Musik, und er nahm die Hände vom Lenkrad und begann zu den Streichern zu dirigieren (lacht). Er ist die Definition eines Hipsters.“ Erinnern Sie sich noch, wie es war, das erste Mal auf einer Bühne zu stehen? „Ich erinnere mich an den Moment, in dem ich entdeckte, dass ich ein Publikum zum Lachen bringen konnte. Da war ich wohl zwölf Jahre alt. Aber richtig begonnen hat es etwas später. Haben Sie dieses Gefühl heute noch? „Oh ja. Wenn ich zum Beispiel Keith Jarrett höre. Es ist so schön und logisch und so gut gemacht... er ist zur Zeit mein Begleiter.“ War es zu Anfang schwierig, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen? „Ich war damals nicht nervös. Das begann erst später, wenn ich die Musiker, mit denen ich auftrat, nicht kannte, oder wenn das Mikrophon nicht funktionierte. Einmal, bei einer Session in San Francisco, griff ich mir ein Mikrophon, das war voller Tomatensamen, Lippenstift und es funktionierte nur an einer Stelle. Ich brauchte eine Stunde, um damit zurechtzukommen und das kann einen verunsichern.“ Sie haben bereits in Syracus, ihrer Heimatstadt, angefangen zu singen. „Ja, mein Bruder hatte eine kleine Tanzband, in der ich etwas spielen durfte und gesungen habe. Da war ich kaum älter als fünfzehn. Zu der Zeit kam ich aber eigentlich auf die Idee, Schauspieler werden zu wollen. Ich ging an die Universität und studierte Musik und Schauspielerei. Ich bin froh, dass ich das getan habe, denn es war sehr hart und von vorn herein lernte ich, was ‚Casting’ bedeutet... – Oh, ist das alles für mich? (Ihm wird ein wirklich großer Salat serviert) Möchtest du etwas? Danke, ich habe gerade gegessen. „Es zeigte sich, dass es wirklich schwierig für mich war, bei Castings zu bestehen. Nimm zum Beispiel Peter Falk (Der Darsteller von u.a. „Columbo“, A. d. Red.) – er war in meinem Grundkurs und er war schon damals ein Charakter: Er kam mit diesem Gang auf die Bühne und mit seinem Glasauge und hatte sofort jeden auf seiner Seite. Da dachte ich, ich bleibe besser bei meiner Musik. Aber ich kam trotzdem dazu, zu schauspielern, und Ende der Sechziger, als ich in London lebte, war es mein Glück, dass ich es konnte. Der Wirtschaft ging es gerade wieder so schlecht, dass all meine Jazz Clubs geschlossen hatten und ich konnte mir den Weg in ein, zwei Fernsehauftritte bluffen. Haben Sie die Schauspielerei nicht genossen? „Oh doch, ja. Ich mag es, andere Menschen zu sein. So wie es, zum Beispiel, Glenn Close oder Merryl Streep sind – sie sind in ihren Filmen immer andere Menschen. Wo man erst nach der Hälfte des Films bemerkt: das ist ja sie. Das gefällt mir!“ Als Sie 1954 das erste Mal nach New York gezogen sind, was hatten Sie sich erhofft? „Zunächst einmal musste ich aus dieser Kleinstadt raus! Ich war natürlich schon zuvor in New York gewesen, aber nun war ich der typische Kleinstadtjunge, der sich seine Jobs gesucht hat. Zum Beispiel war ich Manager eines Donut-Ladens. Es dauerte dann nur drei Jahre, bis ich meinen ersten Plattenvertrag mit Decca bekam. Was nicht schlecht war...“ Stellte sich da bereits das Gefühl ein, angekommen zu sein? „Oh, nein. Obwohl ich eine Menge Songs lernte, hatte ich damals noch nicht einmal eine Idee, was ich überhaupt singen sollte! Die A&R Manager waren keine große Hilfe. Ich erinnere mich, wie sie fragten, was ich denn singen wolle... Erst später bekam ich eine Ahnung davon, was überhaupt zu mir passt. Ich suchte also nach Songs und Material, und ich nutzte gerne Latin-Einflüsse und versuchte Dinge zu tun, die noch keiner zuvor getan hatte, was die Auswahl von Stücken angeht. Als ich kurz danach bei Capitol Records unter Vertrag war, orchestrierte ich ein Medley aus sechs Stücken, das eine ganze Seite der Platte ausmachte. Solch verrückte Sachen. Das Kingston Trio war damals der wichtigste Act bei Capitol, dann hatten sie natürlich noch Frank (Sinatra), Nat King Cole, meinen Helden... da hatte ich verdammtes Glück, dass ich überhaupt Aufmerksamkeit bekam. Die Beat Generation veränderte gerade alles und es ging ganz schnell: Ich erinnere mich, dass ich eines Morgens die Zeitung aufschlug und dort war die Schlagzeile das Manson Massaker. Das hat die 60er beendet.“ Zu diesem Zeitpunkt hatten Sie die USA schon verlassen. War es die Suche nach einer Veränderung? „Nein, es war ein Unfall. Ich wollte nach Paris mit einer Frau und ich stellte fest, dass sie eine falsche Schlange war. Eine absolut falsche Person! Das Ganze ging den Bach runter und so war ich gestrandet, aber ich traf Menschen, die meine Riverside-Veröffentlichungen mochten und so bekam ich ein paar Auftritte in Holland, in Jugoslawien und Schweden, und landete schließlich in London. Du musst mit dem leben, was passiert, dich treiben lassen. Vielleicht ist es nicht, was du geplant hast, aber wie solltest du es anders angehen?“ Sie waren recht lange in London... "Neun Jahre." Was haben Sie dort gemacht. Wieder geschauspielert? „Nicht, bis ich feststellte, dass es keine Arbeit mehr für Sänger gab. Ich hatte nicht mal einen Agenten, aber, wie gesagt, ich bluffte meinen Weg hinein und spielte dann einen Polizisten in einem langen Film, den die BBC über die „Chicago Seven“-Verhandlung gedreht hat. Und später spielte ich Jesus Christus für so zirka eine Sekunde. Ich war nicht so blutüberströmt, wie der Mann in Mel Gibsons Film." Haben Sie eigentlich schon von Anfang an eigene Texte für die Songs anderer Komponisten geschrieben? „Das begann erst, als ich in England lebte. Und das erste was ich schrieb, war der Text zu ‚Stolen Moments’. Und warum ich es tat? Wer weiß. Eigentlich ist ja nie Zeit zu fragen, warum.“ Manchmal schreiben Sie ja auch Ihre eigene Musik. Allerdings eher selten – gab es jemals bei Ihren über vierzig Veröffentlichungen ein Album, das nur aus eigenen Songs bestand? „Nein, bisher nicht. Aber eigentlich habe ich genügend Lieder. Wir müssen erst einmal sehen, wie das neue Album läuft, und ich weiß nicht, ob es überhaupt einen Markt gibt, damit ich so etwas tun kann.“ Warum sollte es denn nicht möglich sein? „Vielleicht... ja. Ich fühle mich gerade sehr ermutigt, nachdem gestern so viele Menschen kamen, um mich in Frankfurt zu hören (wo er mit der HR Bigband auftrat, A. d Red.). Und vor kurzem war ich mit einem Trio hoch in den Alpen und ich fragte mich ‚Wer wird mich hier oben schon kennen?’ – Doch es war voll! Alles sehr junge und hippe Menschen. Vielleicht Hipsters. (lacht)“ Mussten Sie in den Zeiten, in denen Sie nicht vom Singen leben konnten, auch andere Arbeit annehmen? „Nach dieser Donut-Shop-Sache habe ich kaum noch andere Arbeit als meine Auftritte gehabt. Ich hatte damals aber auch das billigste Appartement, das man in New York haben konnte und dort lebte ich acht Jahre – bis ich nach London ging. Und als ich Jahre später wieder kam, konnte ich noch immer in Buffalo und Cincinnati auftreten, denn dort wurden meine Platten noch immer gespielt. Ich war aber später Lehrer." Haben Sie Singen gelehrt? „Genau. Ich habe durch Zufall herausgefunden, dass ich das kann. Dieser Junge kam zu mir, in Buffalo, er schrie eigentlich immer nur. Und ich zeigte ihm, wie er die Töne platzieren muss. Ich dachte nicht, dass er Fortschritte macht, aber eines Tages kam er zu einem meiner Auftritte und sang für mich, und nutze dabei die tonalen Positionen, die ich ihm beizubringen versucht habe. ‚Mmh, vielleicht kann ich ja doch lehren’, dachte ich. Also nahm ich ein paar Schüler. Ich war nie an einer richtigen Schule, bis ich Jahre später an einer Universität in Graz war, wo in diesem Rahmen die beste Vocal Jazz Schule in Europa entstand. Es ist so eigenartig, wovon Menschen träumen, was sie wollen. Heute fragen mich die Kids: ‚Warum singen Sie, wie Sie es tun und wo kommt es her? Und wie kann ich Jazz singen?’ Und ich sage: ,Als erstes musst du herausfinden, ob du Rhythmus hast. Wenn nicht, dann versuch es gar nicht erst.' Und es ist nicht einfach, jemandem das zu sagen.“ Haben Sie es genossen, anderen Menschen etwas beizubringen? „Ich habe es einige Zeit gemacht und leider haben nur die wenigsten Schüler gewusst, was das Wort ‚Arbeit’ bedeutet. Zum Beispiel: Am anderen Ende des Spektrum des Singens steht die Oper – die andere schwerste Sache neben Jazz, die du mit deiner Stimme machen kannst. Maria Callas hatte diese unglaubliche Gabe, aber sie hatte auch den unbändigen Willen, zu lernen und zu arbeiten. Sie lernte eine Oper in drei Tagen! Die meisten der Schüler versuchte ich dazu zu bringen, originell zu denken, kreativ zu denken. Wenn sie das nicht können, wird es schwer. Ich versuchte ihnen zu helfen, sich weiter zu entwickeln, im Inneren, in ihrer Einstellung. Einige nahmen später Alben auf und andere, sehr talentierte, blieben nur für einen Kurs. Und viele, die ich für gut hielt, machten dann ganz andere Sachen. Ich habe damit aufgehört, denn zur Zeit bin ich in der besten Form seit Jahren. Letztlich hatte das Lehren einen sehr guten Effekt auf meine eigene Stimme! (Mr. Murphy fragt den Kellner, ob es koffeinfreien Kaffee gibt, was dieser verneint. Statt dessen bestellt er eine weitere Cola Light.) Letztendlich bleibt es auch für die Schüler eine Frage des „Wage es!“. Wenn du nichts wagen kannst, brauchst du nicht auf die Bühne zu gehen. Die großen Innovatoren hatten keine Angst. So wie Marlon Brando die ganze Art des Schauspielens veränderte. Es gab ein Mädchen in unserer Schule, die alles hatte, aber sie schaffte es trotzdem nicht. Es war eine Frage der Motivation. Ich wollte von ihr wissen: ‚Was motiviert dich zu diesem Song? Warum hast du ihn ausgewählt?’ Und die meisten verstehen nicht einmal die Frage. Sie hatte all diese Popsongs gelernt und ich sagte: „Fein! Und wer bist du? Wann werde ich dich hören?’ Sie begann zu weinen, denn sie versuchte so sehr, jemand anderes zu sein...“ Man muss sich als Künstler mit sich selbst auseinander setzen, sonst wird es unmöglich... „Du als Autor – musst du darum kämpfen, dich zu entwickeln, oder wächst und entwickelst du dich von selbst?“ Beides. Manchmal muss ich mich zwingen, muss ich sehr konzentriert und bewusst arbeiten. Auf der anderen Seite sollte ich es auch fließen lassen und möglichst unbewusst schreiben. An beidem wachse ich. Doch wenn ich zu viel nachdenke, wird es schwierig, denn dann fange ich an, an meinen Fähigkeiten zu zweifeln. „Ja. Als du mich gefragt hast, ob ich viele Lieder schreibe – nun, es sind nicht viele. Nicht so viele wie ich wohl schreiben könnte. Aber ich will es nicht erzwingen, denn ich bin nicht gut, wenn ich Dinge erzwinge. ‚Setz dich hin, schreibe fünf Lieder!’ Bei mir ist es so, dass mir Lieder oft morgens passieren, wenn ich beginne aufzuwachen und Ideen vorbei fliegen. So kam es zu dem Lied „The Interview“. Auf dem neuen Album, ja – „Die erste Zeile habe ich ergänzt, aber Zeile Zwei und was danach folgte, kam zu mir eines morgens und ich griff einfach zum Stift und schrieb es auf. Vielleicht kann man es nicht erklären. Ich weiß es nicht. Ich weiß wirklich nicht, wie es sein sollte – ich weiß nur wie es ist. Das kennst du wohl auch. Du kannst junge Autoren auch nur ermutigen und sagen: Bekommt den Arsch hoch und tut es!“ Es gibt wohl keinen anderen Weg. „Ja. Wie gesagt: Du musst es wagen! Aber kündige nicht deinen Tagesjob!“ (Mark lacht) Können Sie beschreiben, in was für einem Zustand Sie sich befinden, wenn Sie singen? „Ehrlich gesagt, ich fühle mich, als würde ich Stepptanzen! Schau dir mal „Broadway Melodie“ von 1940 an. Es war das letzte schwarz-weiß Musical und die ganze Musik kam von Cole Porter. Diese Stimmung! Gestern nach dem Auftritt in Frankfurt kamen Menschen zu mir, denen ich offensichtlich Gutes getan habe. Ich wundere mich, dass ich das immer noch tun kann. Ich erinnere mich schon nicht mehr an viele Texte und muss mir deswegen Blätter bereit legen, aber (Mark beugt sich vor und flüstert:) Bisher hat sich noch niemand beschwert.“ Mögen Sie es, sich von Zeit zu Zeit Ihre Aufnahmen anzuhören? „Manchmal ja. Ich tue es nicht oft, aber ich liebe zum Beispiel dieses Lied, das ich mit Till geschrieben habe – ‚Love Is What Stays’. Vielleicht, weil ich so fasziniert davon bin wie die Arrangeurin Nan Schwartz das Orchester dazu brachte, so zu spielen. Ich weiß nicht, was sie ihnen gesagt hat, aber sie brachte sie dazu, etwas zu wagen. Ich bin mir sicher, dass sie noch nie so gespielt haben. Und das Album ‚Song for the Geese’ lag mir sehr am Herzen. Ich schrieb ein schönes Gedicht zu Sean Smiths Musik und einen Text zu einer Pat Metheny Melodie. Ja, vielleicht wird es Zeit nur meine eigenen Sachen aufzunehmen. Es könnte interessant sein.“ Gibt es auch Platten, die Sie nicht mehr mögen oder so nicht mehr machen würden? „Oh ja! (er lacht) Vieles ist nicht so geworden, wie ich es gerne gehabt hätte.“ Wissen Sie denn, wie viele Songs Sie geschrieben haben? „Ich habe an die fünfundzwanzig Ordner mit fertig gestellten Songs. Nicht alles sind meine Melodien. Auch als ich letztens aufwachte, hatte ich ein neues Lied und ich beendete es in einem Zug nach Italien. Ist es gut? Mmh, es ist kein Jazz – mehr Blues. Vielleicht sollte es Barry White singen. Und dann wieder (mit verstellter Stimme): ‚Barry White? Barry White? Ich dachte du machst Jazz?’ – ,Ach, halt die Klappe!', antworte ich dann: Wenn ich nach rechts gehen will, geh ich nach rechts, wenn ich links abbiegen will, dann tue ich das!“ Deshalb wohl auch Ihre Zusammenarbeiten mit Acid Jazz Künstlern wie 4Hero oder United Future Organization? „Ich tat es, um mich zu fordern und zu wachsen. Ich wollte sehen, ob ich es kann. Ich arbeite zum Beispiel gerade mit einem Latin-Jazz-Rock Quartett in New York zusammen. Sie bringen mich an meine Grenzen, etwas, das, wie ich denke, für viele Künstler nicht leicht ist – ihren festen Stil zu verlassen. Aber ich sah mich nie als Stilist.“ Wie geben Sie auf Ihre Stimme Acht? „Wenn es hart auf hart kommt, habe ich immer eine Thermoskanne mit heißer Hühnersuppe dabei. Was auch immer im Hühnchen ist – es bringt meine Stimme zurück. Es gibt noch andere Sachen. Als ich damals in London noch Auftritte fand, war ich auch im Ronnie Scott’s, wo es so verraucht war, dass man das andere Ende des Raumes nicht sehen konnte. Ich dachte, ich verliere meine Stimme! Oder in Paris: Gegen Gauloises anzutreten, ist schrecklich. Schlecht für die Lunge und die Stimme.“ Sie kennen Till Brönner nun seit sieben, acht Jahren? Und Sie sind sich dort drüben im Jazz Club begegnet, nicht wahr? „Ich traf ihn eigentlich hier, an dem Tisch (er zeigt auf einen Tisch direkt neben dem Eingang). Ich kam hier rüber nach dem Auftritt, um einen Happen zu essen und er nannte mich von Anfang an einfach Mark. Er erzählte mir später, dass ihm jemand eine meiner Platten vorgespielt hat als er 14 war, und er hat es niemals vergessen. Sein Bruder brachte ihn später nach Graz, um mich zu sehen. Und ich erinnere mich – es war ein regnerischer Tag und wir saßen im Auto und die Fenster beschlugen, weil wir uns so intensiv unterhielten. Dort entstand das Lied über das Pärchen, das in der Badewanne sitzt und sich gegenseitig wäscht („Tub Of Love“, auf Till Brönners Album „Blue Eyed Soul“). Das war ein sehr inspirierender Tag. Ist das etwas, das nur im Zusammenspiel mit Menschen geschieht? „So was kann auch an den richtigen Orten liegen – ich mag Orte mit hoher Energie. Wie Berlin. In Wien finde ich das zum Beispiel nicht, obwohl die Stadt ja angeblich auf Kristallformationen gebaut sein soll, aber da sind keine enormen Energien. Ich denke in letzter Zeit immer mehr über spirituelle Energien nach – dabei war ich nie religiös. Aber wenn ich richtig gut bin auf der Bühne, kann ich meine Aura fühlen. Doch das passiert nur an besonderen Orten, wenn das Publikum gut ist und du selbst voll einsatzfähig. Dann habe ich einen so fantastischen Fluss, dass ich manchmal einen Schmerz hier empfinde (seine Hand liegt auf seinem linken Lungenflügel), so stark, dass ich fast aufhören muss. Als ob ich schwebe. Wie gestern, als das Publikum alle meine Kinder waren.“ Ist das beängstigend? „Ja, das ist es, denn es könnte mich total in Besitz nehmen. Deshalb war ich nie ein Drogenbenutzer, einfach weil ich es nicht brauchte. Drogen schließen nur eher diese Türen, als dass sie sie öffnen. ie weit können Sie sich bei den Aufnahmen, zum Beispiel für das neue Album, treiben lassen? „Nicht sehr, weil wir mit Arrangeuren arbeiten, und die wollen alles ganz genau wissen.“ Es sind viele Coverversionen auf der neuen Platte, unter anderem auch ein Lied von Coldplay... „Und obwohl ich schon früher gecovert habe, hat es oft einige meiner treueren Fans verärgert – ob ich denn nun versuche, Geld zu machen und ein Popstar zu sein? Aber ich probiere nun einmal neue Dinge aus, und wenn sie nicht Schritt halten können, dann ist es nicht mein Fehler, dass ich wachse und sie nicht.“ In ihrem Leben haben Sie so viele Dinge geschehen sehen, so viele Kriege und Lügen von Politikern – haben Sie immer noch ein Auge auf diese Vorgänge, oder kümmern Sie sich einfach nicht mehr darum? Oh Baby, die Dinge sind so schlimm, dass ich nicht einmal weiß, ob wir es noch lange machen werden. Ich würde gerne in die Berge von Ecuador gehen, im September 2012, wenn der Maya-Kalender endet. Und sehen, was dem Kosmos an diesem Tag passiert. Wahrscheinlich nichts, aber vielleicht zerbricht die Welt, vielleicht taucht Atlantis wieder auf – wer weiß. Ich bin offen für jede Vorstellung.“
[Erschienen in Ausgabe 1 von Sinnbar (print)]
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